Deutsche in AserbaidschanÜbersetzung: Look Im Dezember d. J. wird der 180. Jahrestag des Eintreffens der ersten deutschen Siedler, bei denen es sich im wesentlichen um verarmte Staatsangehörige aus dem deutschen Königtum Württemberg handelte, auf aserbaidschanischem Staatsgebiet begangen. Ihr nicht einfacher, zeitweise sogar tragischer Weg verlief auf einer Strecke via Cherson über den Nord-Kaukasus nach Tiflis und von dort aus in eine Vorstadt Gendschas. Die einheimischen aserbaidschanischen Bauern haben die ersten Übersiedler gastfreundlich aufgenommen und ihnen nach Möglichkeit geholfen. Die von den Übersiedlern bewohnbar gemachte Erde war fruchtbare Vorgebirgssteppe. Daher mußten die Kolonisten von Anfang an einen hartnäckigen und schweren Kampf um ihre Existenz führen. Die württembergischen Ackerbauern befaßten sich mit verschiedenen Zweigen der Landwirtschaft und überzeugten sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts davon, daß die Entwicklung des Weinbaus in Aserbaidschan den einträglichsten Zweig der Landwirtschaft darstellt. Die damaligen Umstände kann man anhand eines Briefes beurteilen, den die unter den dortigen Deutschen bekannte Familie Hummel 1920 als Reaktion auf die durch die Bolschewiken vorgenommene Verstaatlichung ihrer Ländereien an das Kommissariat für Landwirtschaft geschriehen hatte: ,,Seit dem Jahr 1888 haben wir die genannten Weingärten im Verlauf von 17 -18 Jahren bepflanzt. Anfänglich mußten wir unter sehr schweren Bedingungen arbeiten, weil wir den Erdboden ohne Trinkwasser, ohne Pflug oder Hakenpflug bei unerträglicher Hitze und beim Wüten der Malaria bearbeiten mußten. Indem wir all diese schwierigen Mißliebigkeiten überwanden, näherten wir uns doch durch hartnäckige Arbeit dem Ziel, und innerhalb von einigen Jahren erschienen auf den wilden Steppen die ersten Ansätze einer Bodenkultur. Weil wir kein Bargeld hatten, waren die materiellen Bedingungen unserer Arbeit nicht weniger schwierig. Wir arbeiteten ausschließlich mit den Geldern verschiedener Banken..." Im Zeitraum vom 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts haben die Deutschen im Transkaukasus Dutzende von deutschen Kolonien gegründet. In Aserbaidschan wurde die erste Kolonie 1819 in HeIenendorf (heute Chanlar), eine weitere Kolonie ein bißchen später zusammen mit der Bahnhofsstation Schamchor in Annenfeld, 1888 in Georgsfeld (Siedlung Tschinarly im Schamkirskij-Bezirk), 1902 in Mekseewka (Akstaflnskij-Bezirk), 1906 in Grünfeld (Akstafinskij-Bezi rk) und in Eigenfeld (Schamkirski-B ezi rk), 1912 in Traubenfeld (Towuzski-Bezirk) sowie 1914 in Elisavetinka (Akstafinski-Bezirk) gegründet. Am Anfang des 20. Jh. wurden in den Kolonien Genossenschaften gegründet, mit deren Hilfe die in Aserbaidschan bekannten Unternehmen zur Herstellung von alkoholfreien Getränken und von Wein- und Wodkagetränken gebildet wurde. So wurde 1904 in Helenendorf die Genossenschaft ,,Hilfe" gegründet, die schon im nächsten Jahr eine Wein- und später auch eine Kognakfabrik eröffnete. In Annenfeld wurde 1905 die Genossenschaft ,,Einverständnis" gegründet, die schon im Jahr 1907 eine Wodkafabrik in Betrieb nahm. Die 1906 in Georgsfeld gegründete Genossenschaft ,,Hoffnung" baute im Jahr 1907 eine Weinfabrik und im Jahr 1910 eine Fabrik zur Läuterung Rektifikation) von Kognak. Die 1908 in HeIenendorf gegründete Genossenschaft ,,Konkordia" und die 1909 in Grünfeld gegründete Genossenschaft ,,Merkur" beschäftigten sich mit der Organisation des Absatzes von Limonaden-, Wein- und Wodkaerzeugnissen. Der erste Weltkrieg wirkte sich auf die Entwicklung der deutschen Kolonien negativ aus. Viele deutsche Familien wurden in dem europäischen Teil des russischen Imperiums nach Sibirien verbannt. Trotz des Protestes der aserbaidschanischen Bevölkerung betraf die Übersiedlung häufig auch die Deutschen in Aserbaidschan. Und nur der Zerfall des russischen Imperiums im Jahr 1917 und die Bildung des unabhängigen Aserbaidschan hielten den Vorgang der Deportation der Deutschen kurzfristig auf Die National regierung des unabhängigen Aserbaidschan ergriff Maßnahmen zur Schaffung von normalen Bedingungen für alle nationalen Minderheiten. Zu dieser Zeit erreichte die Zahl die deutschen Bevölkerung 6.000 Menschen. Am 19. November 1918 nahm der Nationale Rat Aserbaidschans das ,,Gesetz über die Bildung des Aserbaidschanischen Parlaments" an, demzufolge im Parlament proportional zur Bevölkerung Aserbaidschans auch nationale Minderheiten vertreten waren. Von den 120 Abgeordnetensitzen wurde ein Sitz tür einen Vertreter der deutschen Bevölkerung sichergestellt. Der erste Abgeordnete der deutschen aserbaidschanischen Bevölkerung wurde der 34-jährige, in Helenendorf geborene Direktor des Ölindustriegewerbes von Benkendorf Lorenz Kuhn (1938 von den Organen des Volkskoinmissariats tür Innere Angelegenheiten (NKWD) verhaftet, 1942 in der Verbannung gestorben). Die Politik der aserbaidschanischen Regierung im Hinblick auf die deutschen Kolonien empfand man als Unterstützung. Die zu dieser Zeit verschickten deutschen Familien kehrten nach Aserbaidschan in ihre Heimatorte zurück. In dieser Zeit wurde der Transkaukasische Deutsche Nationalrat, der einen engen Kontakt mit den Nationalregierungen Aserbaidschans und Georgiens unterhielt, gegründet. In Tiflis gab dieser Rat die in den Kolonien verbreitete Zeitung ,,Kaukasische Post" heraus. Es wurden Dorfverwaltungen gebildet, die mit den angesehensten Bürgern der Kolonie beschickt wurden. In Helenendorf zum Beispiel wurde der Bruder des Parlamentsdeputaten, Robert Kuhn, Leiter der Dorf\~erwaltung (1941 von den Organen des NKWD verhaftet). Die Vertreter der Dorfvrerwaltung und der Zentralexekutive unterhielten enge Beziehungen. Die aserbaidschanische Regierung unterstützte die Aktivitäten des deutschen Nationalkomitees auf dem Gebiet der Bildung, der Kultur und der Religion. Neben der ersten, noch im Jahr 1842 in Helenendorf gebauten Schule wurden in genau dieser Zeit in anderen deutschen Kolonien in Aserbaidschan Siebenklassenschulen gegründet. Viele Vertreter der deutschen Intellektuellen in Aserbaidschan beteiligten sich zusammen mit ihren aserbaidscbanischen Kollegen unmittelbar an der organisatorischen Arbeit im Bereich der höheren Schule, der Ölindustrie und der Medizin. Die deutsche Bevölkerung half den Bakuer Organen bei der Herstellung von Recht und Ordnung. Die durch den Deutschen Kimmerle nach der Besetzung Georgiens durch Rußland wird er Vorsitzender des Dorfrats von Luxemburg (Georgien)) angetührten Bolschewiken versuchten 1919 in den deutschen Kolonien ihre anti staatlichen Aktivitäten durchzutühren. Robert Kuhn war zusammen mit einem Vertreter der aserbaidschanischen Sicherheitsdienste Stellvertretender Vorsitzender im Kampf gegen die Kontrarevolution. Unter Machmud Safikjurdskij führte man unter aktiver Beteiligung der Bevölkerung die Arbeit zur Abwehr ,,der Verbreitung des Bolschewismus und der Anarchie unter den Bauern der deutschen Bevölkerung" durch. Feierlich begingen die Deutschen 1919 das Fest des 1. Jahrhunderts des Gründungtags von Helenendorf Es wurde eine Forschungsarbeit über die Geschichte der Kolonien durchgeführt. Zu dem Jubiläum wurden Broschüren und Photoalben herausgegeben sowie ein Dokumentarfilm über die Jubiläumsfeier gedreht. Einigen Quellen zufolge wurde dieser Film sowie die Dorfarchive in den ersten Jahren der Sowjetregierung nach Deutschland ausgeführt. Ihre Entdeckung könnte auf einige Ereignisse unserer Geschichte ein Licht werfen. Ebenfalls könnten sich interessante Materialen in den Archiven des Instituts für Auslandsdeutsche (Deutschland) sowie bei dem deutschen Historiker, Georg Leibrandt, befinden, der in dieser Zeit Materialen zum Verfassen eines Buches zur Geschichte der deutschen Kolonien in Aserbaidschan gesammelt hatte. Auf Initiative der angesehenen gesellschaftlichen Persönlichkeit der deutschen Kolonien des Transkaukasus, Dr. Wilhelm Gurr, Mitglied des Deutschen Nationalrats, sowie des Gutsherrn Gotlieb Hummel, Aktionär des Handelshauses ,,Gebrüder Hummel" und Mitglied des Nationalkomitees von Helenendort, sowie auch von anderen wurde 1918 in Helenendorf die Jugendorganistion ,,Alemania Kaukasia" gegründet. Zum Präsidiumskolleg gehörten zu verschiedenen Zeitpunkten: Otto Wenzel (von den Organen des NKWD 1940 verhaftet), Herbert Fohrer, Hugo Erzman (1920 nach Deutschland emigriert), Georg Zaiser, Walter Fotteler (1935 verhaftet), Max Frick (1936 verhaftet) und Otto Hummel (1921 zur Ausbildung nach Deutschland gefahren und dort geblieben). Die Organisation vereinigte Studenten und Schulabgänger, befaßte sich mit der Vervollständigung der Bildung und der Verbreitung deutscher Literatur unter der Jugend, organisierte regelmäßig Vorträge, Kurse und Gespräche zu historischen Themen und tührte Theaterspiele deutscher und aserbaidschanischer Autoren auf Die deutschen Kolonien betrachteten den Verlust der Unabhängigkeit Aserbaidschans als ihre eigene Tragödie. Der Transkaukasische Deutsche Nationalrat ergriff zusammen mit den einheimischen Autoritäten Maßnahmen zur Unterbindung der Okkupation Transkaukasiens durch die russische Armee. Das 1918 in Tiflis gebildete deutsche Heer erhielt von der Regierung Georgiens und Aserbaidschans Waffen. Die Instrukteure tür den Krieg bestanden aus ehemaligen Offizieren der zaristischen Armee. Seit der Ankunft deutscher Soldaten in Tiflis bildeten jedoch auch deutsche Kaderschulen aus. Häufig hielt das Mitglied des Transkaukasischen Deutschen Nationalrats, Georg Frick, vor seinen Landsleuten im Heer Vorträge. Wegen der Nutzlosigkeit des Widerstands gegen die bolschewistische Armee wurden diese Aktivitäten jedoch später vorübergehend eingestellt. Mit der Etablierung der Sowjetmacht in Aserbaidschan und Georgien fing eine tragische Periode in der Geschichte der deutschen Kolonien im Transkaukasus an. Die Liquidation des unabhängigen staatlichen Systems Aserbaidschans, die Politik der Liquidation des Privateigentums sowie die Konfiszierung der Unternehmen und des Bodenbesitzes wirkten sich unheilvoll auf die Lage der deutschen Bevölkerung aus. Eine Reihe von einflußreichen Bürgern der deutschen Kolonien, die über die Türkei nach Deutschland führen, verließen in dieser Periode zusammen mit aserbaidschanischen Emigranten das Land. Ulrich Rauscher, der deutsche Konsul von Tiflis, traf im Jahr 1920 in der Kolonie Helenendorf ein. Er rief die deutsche Bevölkerung auf, ihre Jugend zur Ausbildung nach Deutschland zu schicken und teilte ihr mit, daß die deutsche Regierung bei der Durchführung der Reise und der Ausbildung helfen werde. Die ersten Gruppen von Jugendlichen verließen 1921 -1922 unter Mitwirkung der deutschen Botschaft in Moskau die deutschen Kolonien. In Deutschland gründeten sie den Verein der Transkaukasischen Deutschen Studenten mit einem Zentrum in Berlin und mit Zweigen in den wissenschaftlichen Einrichtungen von Leipzig, Freiburg, München, Stuttgart, Hamburg, Karlsruhe und Dresden. Materielle Unterstützung empfingen die Studenten von ihrem Vertreter in Moskau, Werner Hummel, in Berlin, Theodor Hummel, und auch aus Helenendorf T. Huminel war der Vorsitzende des Vereins der Transkaukasischen Studenten, der mit der Landsmannschaft aserbaidschanischer Studenten einen engen Kontakt anbahnte. Zwischen den aserbaidschanischen Studenten und den Deutschen aus Aserbaidschan bestanden freundschaftliche Beziehungen. Zusammen erlitten sie den Verlust der Unabhängigkeit ihrer gemeinsamen Heimat Aserbaidschan. In den Kolonien fing die Auflösung der gewachsenen Ordnung an. Die Sowjetmacht ersetzte die Dorf\verwaltung durch dem Volk fremde Revolutionskomitees. Das Gymnasium wurde zu einer Einheitlichen Sowjetischen Arbeitsschule umgebildet. Die Institution der Vertretung der deutschen Bevölkerung in den gesetzgebenden Organen Aserbaidschans wurde liquidiert. Die Gutsherren sowie die Eigentümer der Fabriken und Grundstücke blieben ohne Mittel für den Lebensunterhalt zurück, In einem Brief vom Juli 1920 an das Kommissariat für Landwirtschaft schrieben die Erben eines der ersten schwäbischen Übersiedler, Christian Hummel: ,,Seit der Etablierung der Sowjetmacht wurde unser Weinbau mit den Anlagen und dem Inventar verstaatlicht und wir, die Gebrüder Hummel, mit unseren zahlreichen, insgesamt 51 Seelen zählenden Familien sind ohne Land und Mittel zum Lebensunterhalt zurückgeblieben. Darum bitten wir sie, jedem von uns einzeln das von der Sowjetregierung festgelegte Stück Land zuzuteilen." Mit dem Ziel der Bewahrung der eigenen Haushalte entschlossen sich die vermögenden deutschen Familien, ein Weinbau und Weinfabrikkollektiv zu gründen. Am 16. Juli 1920 fand in Gendscha die Erste Stiftungsversammlung der Vertreter Helenendorfs, Ännenfelds und Gendschas statt, Sie entschied sich, eine Vereinigung unter dem Namen ,,Produktionsgenossenschaft der Mitarbeiter der Weinbau und Weinfabriken" zu bilden. An den Verband schlossen sich alle deutsche Kolonien Aserbaidschans an. Die Familien Fohrer, Hummel und Beck übergaben der Gesellschaft Eigentum im Wert von ungefähr 70.000 Rubel. Anfang 1922 erlaubte die Sowjetregierung den freien Weinhandel, verband dieses Recht jedoch mit hohen Steuern. In eben diesem Jahr wurde der Verband in das Kooperativ ,,Konkordia" umbenannt. Die hohe Ernteproduktivität des Weinbaus, die qualifizierte Durchtührung der Umbauarbeiten bei der Herstellung in den Weinbergen sowie der durchdachte Vertrieb ließen die ,,Konkordia" rasch wachsen und mächtiger werden. 1925 wurde die ,,Konkordia" Mitglied des Aserbaidschanischen Verb ands tür landwirtschaftliche Kooperation ,,Kejbirligi". Auf Rechnung des Produktionsabsatzes kaufte ,,Konkordia" im großen Stil Goldmünzen zaristischer Prägung sowie ausländische Währung auf. Erworben wurden so von 1920 bis 1923: Gold im Wert von 48.217 Rubel, Dollar im Wert von 27.256 Rubel, Ptünd Sterling im Wert von 13.971 Rubel und Goldbarren im Wert von 448 Solotnik (Gewichtsmaß: 1 Solotnik = 4,26 Gramm). Viel Kapital wurde in die Verschönerung der Ortschaften, in den Straßenbau, in die Kommunikationssysteme und in das Ausbildungswesen investiert. In Helenendorf unterhielt die ,,Konkordia" mit ihren Mitteln eine Schule der zweiten Stufe und eröffnete für die Schüler ein Schulinternat, in dem Deutschen und Aserbaidschaner ausgebildet wurden. Ab August 1924 wurde eine Taubstummenschule eröffnet. Kindern aus minderbegüterten Familien gewährte das Kooperativ Stipendien. Jedoch schon im Jahr 1926 wurde der Wirtschaft der deutschen Kolonien ein erster spürbarer Schlag versetzt. Die Organe der Staatlichen Politischen Bezirksdirektion, (OGPU) verhafteten 16 führende Persönlichkeiten der ,,Konkor(1ia" und beschlagnahmten deren Eigentum in vielen Fällen. Im Februar 1927 nahm die ,,Konkordia" eine neue, von der Leitung des Kooperativs Zusammen mit dem Aserbaidschanischen Verband tür Landwirtschaftliche Kooperation ,,Kejbirligi" ausgearbeitete Satzung an. Es wurden gute Kontakte zwischen dem Vertreter von ,,Kejbirligi", Asker Faradshzade (1937 von den Organen des NKWD verhaftet, nach Moskau überführt und als deutscher Spion zum Tode verurteilt), und den leitenden Mitarbeitern der ,,Konkordia" geknüpft. Besonders freundschaftliche Beziehungen verbanden Faradshzade und Wilhelm Gurr. Der in Baku in leitender Stellung tätige Faradshzade war bemüht, die deutsche Wirtschaft von der stümperhaften Politik der machthabenden Vertreter auf dem Gebiet der Landwirtschaft abzuschirmen. Eine Reise nach Deutschland übte einen besonderen Einfluß auf A. Faradshzade aus. Später sagte er bei einer Vernehmung: ,,Nach meiner Reise nach Deutschland schwelgte ich vor Lob über Organisationsgrad, Ordnung und politische Struktur dieses Landes." Am 16. Februar 1928 eröffnete der Regierungsvorsitzende, Johannes Wuchrer, in den Räumlichkeiten des Helenendorfer Clubs die Versammlung der Bevollmächtigten des Kooperativs ,,Konkordia". Bei der Begrüßung der Delegation bemerkte der Vorsitzende des Aserbaidschanischen Genossenschaftsrates, A. Faradshzade: ,,Die ,,Konkordia hat große Erfolge erzielt und ist eine Beispiel tür das Kooperativ. Wir müssen ihre Erfahrung und ihre Errungenschaften verwerten. Die ,,Konkordia" stellt eine Organisation dar, die wir schützen, lieben und achten müssen, und deren Erfahrung wir tür unsere ganze Weinbau- und Weinfabrikswirtscliaft verwerten können." Die Mitgliederzahl des Kooperativs ,,Konkordia" stieg an. So zählte sie 1926 1.587, 1927 1.832 und 1928 2.100 Mitglieder. Der fruchtbringende Weinbau umfaßte im Jahr 1926 1.701,54, im Jahr 1927 1.732,77 und am 1. Oktober 1928 1.860,14 Hektar Land. Außer in Baku eröffnete die ,,Kondordia" in Tiflis, Moskau, Kiew, Leningrad, Rostow, Samar, Saratow, Per in und Swerdlowsk Filialen. Gegen Ende des Jahres 1929 erreichte die Zahl der Geschäfte, die in den verschiedenen Regionen der UdSSR die Produktion der ,,Konkordia" verkaufte, die Zahl von 160. Die wichtigsten Aufgabenfelder der ,,Konkordia" blieben Bildung, Kultur und wissenschaftliche Forschungsprojekte. Allein im Untersuchungsjahr 1926/1927 wurde der. Bildungssektor mit mehr als 40.000 Rubel subsiduert: die Schule mit 29.950 Rubel, das Internat mit 3.500 Rubel, die Taubstummenschule mit 2.830 Rubel und die Stipendien tür Studenten mit 6.744 Rubel. Die ,,Konkordia" finanzierte wissenschaftliche Untersuchungen im Kampf gegen Schädlinge der Landwirtschaft, die Schaffung neuer Technologien für die Bearbeitung der Weinstöcke und des Bodens in Aserbaidsch an. In der Genossenschaft in HeIenendorf wurde ein insektenkundliches (entomologisches) Arbeitszimmer geschaffen. Der Leiter der wissenschaftlichen Untersuchung war Ja. 1. Prinz. Von 1923 bis 1928 gab er 6 Bücher über Probleme des Schutzes von landwirtschaftlichen Pflanzen in Aserbaidschan. heraus. 1927 importierte~ aserbaidschanische Deutsche aus Frankreich und Österreich amerikanische Weinreben und setzen sie im Schamkirski-Gebiet ein. Man muß anmerken, daß die UdSSR in den 20er Jahren genötigt war, für den Kauf von Weinsäure im Ausland Devisen auszugeben. Der in Nürnberg geborene, zu seiner Zeit aus Deutschland emigrierte Hermann Besold (1937 von den Organen des NKWD als deutscher Spion verhaftet und erschossen), suchte sich als Wohnsitz Aserbaidschan aus und entwickelte mit der Hilfe aserbaidschanischer und deutscher Weinbauern eine eigene Weinsäuretechnologie. Äuf einer dem Problem der Weinsäure gewidmeten Konferenz aller Sowjets in Moskau wurde Besolds Arbeit als die beste der UdSSR anerkannt. Besolds Errungenschaft wurde auch in anderen Weinbaugebieten des Landes verwandt. Außerdem wurden in allen deutschen Siedlungsorten kleine Büchereien mit einem Bestand, der den Errungenschaften der Kolonien auf den Gebieten des Weinbaus, den Herstellungsarbeiten, der wissenschaftlichen Forschung und der Kulturarbeit gewidmet war, gegründet. Um 1927 wurden 35 Exemplare eines Albuins mit Photographien aller Unternehmen und aller für die Mltagskultur bestimmten Objekte der ,,Konkordia" herausgegeben. ,,Konkordia" nahm an den Ausstellungen der Errungenschaften der Landwirtschaft in Baku, Gendscha und Annenfeld teil. Obwohl die Errungenschaften der deutschen Kolonien auf dem Gebiet der Entwicklung der Landwirtschaft und dem Aufbau der Kultur unbestreitbar waren, setzten die Moskauer Autoritäten ihre Experimente auf wirtschaftlichen Gebiet fort und erließen verschiedene Direktive und Anordnungen. Auf der Grundlage eines Beschlusses der UdSSR vom 18. September 1929 wurde die ,,Konkordia" in einen Bezirksverein von Siedlungsgenossenschäften der Weinbau- und Weinverarbeitungskooperative, und die Bezirksabteilungen der Abteilung ,,Konkordia" in selbstständige herstellende Siedlungsbruderschaften umorganisiert. Anfang der 30er Jahre wurde beinahe die Hälfte der Bevölkerung gewaltsam in die Kolchosen aufgenommen, die übrigen 13 standen bei der ,,Konkordia" im Dienst. Zwischen den zwei Bevölkerungsgruppen fand eine Differenzierung des Lebensniveaus statt. Eine einfache vergleichende Analyse zeigte dein Volk die Vorteile der kooperativen Wirtschaftsform. In Helenendorf fand unter Beteiligung der erwachsenen Bevölkerung eine gegen die Aushöhlung der Rechte der Bauern gerichtete Protestaktion statt. Gegenüber dem Bezirkskomitee der Kommunistischen Partei wurden Forderungen erhoben, in denen die gewaltsame Kollektivisierungspolitik verurteilt wurde. Das Volk nannte die Bauerndemonstration ,,Weiberaufstand". In der Folgezeit wurden viele Aktivisten von den Organen des NKWD verhaftet. Infolge des ständigen Drucks von Seiten der sowjetischen Machthabern wurden die Deutschen genötigt, in der Führung von ,,Konkordia" Kaderveränderungen vorzunehmen. Seit 1929 wurde Adolf Breitmeier Vorsitzender. Adolf Kuhn, der von 1923 bis 1932 Vorstandsbevollmächtiger in Baku war, wurde 1932 zum Fabrikdirektor ernannt. Zum Hauptbuchhalter des Zentralvorstands wurde seit 1926 Johann Stock ernannt. Sie alle wurden von den Organen des NKWD 1935 verhaftet. Die Fragmente der Angaben bei den Untersuchungsakten erlauben ebenso, die Namen der Personen aufzustellen, die in der Kolonie Führungspositionen bekleidet hatten: ,,Paul Sept, ein Lehrersohn, stammte von den Kolonisten aus dem Süden Rußlands. Sein Bruder war in der Kolonie Grünfeld als Pastor tätig. Herbert FeIler, ein ehemaliger Lehrer der Schule in Annenfeld", arbeitete als Assistent des Buchhalters des ,,Warentisches". Ein Fragment mit anderen Angaben: ,,Die ausgebildetsten und engagiertesten Personen unter den wohlhabenden Großbauern wurden in das Kollegium der Bildungsabteilung aufgenommen. Vorsitzender der Bildungsabteilung von Annenfeld war in der Zeit von 1923 bis 1925 der engagierte, 1930-1932 enteignete Großbauer, Gottlob Zigle. Von 1925 bis einschließlich 1929 war Eduard Esterle, einer der engagiertesten Großbauern der Kolonie; Vorsitzender der Bildungsabteilung. Im Laufe einer Reihe von Jahren wurde Johannes Esterle Mitglied der Bildungsabteilung und des Vorstands von ,,Konkordia". Die Vorstandsvertreter der ,,Konkordia" wurden im wesentlichen unter den Enteigneten ausgewählt: Gabriel Albek, Jakob Backer, Christian Zigle. Von 1929 bis 1932 war Johannes Bucher, ehemaliger Vorsitzender des Hauptvorstands und wohlhabender, aus dieser Gegend stammender Großbauer Vorsitzender der Bildungsabteilung des Kollegiums". Eine interessante Tatsache: Unter der Bevölkerung der deutschen Kolonien befanden sich wenige Mitglieder der Kommunistischen Partei. Die Sache ging so weit, daß das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kommunisten deutscher Nationalität aus Baku und anderen Regionen in die Kolonie geschickt hatte. So wurden in der zweiten Hälfte der 20er Jahre 13 Mitglieder der Gesamtsowjetischen Kommunistischen Partei der Bolschewiken (BKP(b)) nach Helenendorf abkommandiert. Von diesen mußten 12 zurückkehren, und seit 1917 wurde nur ein Mitglied der Kommunistischen Partei, Heinz Eduard (von den Organen des NKWD verhaftet), auf Drängen der Parteiorgane im Jahr 1930 zum Vorstandsmitglied von ,,Konkordia" und zum Stellvertretenden Vorsitzenden ernannt. ,,Die Nachfahren von Marx und Engels" konnten so die ,,Vorzüge" der kommunistischen Ideologie nicht verstehen. 1931-1932 wurde den Weinbauregionen des Transkaukasus ein erwarteter Schlag zugetügt. Nach einer Entscheidung der Moskauer Machthaber wurden die Industrieobjekte der Landwirtschaft erneut den in Aserbaidschan und Georgien gebildeten Sowchosen übertragen. Weil er prognostizierte, daß sich ähnliche Experimente unheilvoll auf die Arbeit der Landwirtschaft auswirken könnten, sendete der Vorstandsvorsitzende A. Breitmaier am 24. August 1933 einen Brief an das Narimanowsker Regionalkomitee der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei der Bolschewiken (AKP(6>), in dem er im einzelnen schreibt: ,,Die dreizehnjährige Arbeit des Kooperativs und die Indikatoren seiner wirtschaftlichen Tätigkeit haben unbestreitbar die gesunden Grundlagen für die organisatorischen Strukturen der Einrichtung, die nachdrücklich eine vollständige Bewahrung der Organisation mit all ihren Herstellungs- und Vertriebstünktionen fordert, gelegt." Aber keinerlei Einwände konnten die sowjetischen Beamten aufhalten. Sie forderten die Aufteilung der gesamten Struktur der ,,Konkordia" in kleine Haushalte, nachdem diese den örtlichen Kolchosen untergeordnet wurden. Gegen August 1933 gingen ungefähr 40 Prozent aller Haushalte auf die Kolchosen über. Die ,,Konkordia" wurde Teil einer Untersuchungsangelegenheit der Organe der NKWD. Viele Bürger deutscher Nationalität wurden verhaftet. 1935 wurde vom Gericht die Schädlichkeit und Gefährlichkeit der Aktivitäten der ,,Konkordia" ausgemacht. Das Kooperativ wurde liquidiert und das Eigentum konfisziert oder - genauer gesagt -ausgeraubt... Eine ähnliche Situation stellte sich in anderem Gebieten Aserbaidschans ein. Die Reorganisation der in Kjurdamir, Agdasche, Schamacha und Karabach tätigen Weinbau- und Weinfabrikenkooperative ,,Bachtschiljar-Umidi", ,,Loza" (Rebe), ,,Kolokol" (Glocke) tührte 1935 zu deren Liquidation und Verwüstung. Dem in langen Traditionen verwurzelten aserbaidschanischen Weinbau wurde ein schwerer Schlag versetzt. Es muß unbedingt angemerkt werden, daß zwischen dem aserbaidschanischen Kooperativ und der deutschen ,,Konkordia" ein wechselhafter Kontakt bestand. Die Aserbaidschaner und die Deutschen tauschten ihre Erfahrungen auf diesem Gebiet aus. Mit der Liquidation der ,,Konkordia" verlor die deutsche Bevölkerung eine Organisation, die sich neben dem Weinbau auch mit Fragen der Gestaltung des Mltagslebens, der Schulausbildung deutscher Kinder, der Bereitstellung medizinischer Versorgung und anderem mehr befaßte. Zudem spielte die ,,Konkordia", wie bereits aufgezeigt, bei der Bewahrung der nationalen Kultur und Sprache eine besondere Rolle. 1938 wurde eine gewaltsame Reorganisation des schulischen Ausbildungswesens der Kolonien vorgenommen. Trotz des Widerstands der Direktion und des Lehrerkollegiums wurde im Frühling der Unterricht in allen Fächern von der deutschen auf die russische Sprache umgestellt. In den Sommerferien wurden die Lehrer für deutsche Sprache und Geschichte entlassen. Seit Anfang des neuen Ausbildungsjahres wurden im September die Alsorer Schule sowie die armenischen und die russischen Klassen mit den deutschen zusammengelegt. So verloren die deutschen Schüler die Möglichkeit in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Die Bevölkerung nahm die Reorganisation als erwarteten Anschlag auf die deutsche Schule und als Versuch der Zerstörung der letzten deutschen Einrichtung seitens der Organe der Sowjetmacht wahr. Eine entsprechende Reorganisation des Bildungssystems wurde als gewaltsame Russifizierung und Armenisierung der deutschen Kolonien angesehen. Zu diesem Anlaß hatte Otto Wenzel, ein ehemaliger Lehrer der Helenendorfer Schule und Dozent an der Staatlichen Aserbaidschanischen Universität, gesagt: ,,Die Taktik des passiven Widerstands gegen die Reorganisation der Schu!e trat bei den Lehrern während der Durchtührung ihrer Versetzung von der Helenendorfer Schule an die Schulen anderer Orte deutlich hervor. Diese Maßnahme wurde als eine Maßnahme betrachtet, die die Schule von Pädagogen säubern und gänzlich der Verfügungsgewalt der Pädagogen anderer Nationalitäten, insbesondere der Armenier, überantworten sollte". Von diesem Zeitpunkt an begann der Prozeß der Umsiedlung der Armenier nach Helenendorf und Annenfeld. Um so mehr Deutsche verhaftet wurden, um so mehr Häuser machte man frei, in die armenische Familien angesiedelt wurden. Die schwierige Lage in den Kolonien, der Zerfall der Wirtschaft sowie die Repressionen von Seiten der Strafollzugsorgane tührten dazu, daß man anfing, an die Emigration aus diesen Gebieten zu denken. Um so mehr, da vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland selber die Propaganda für die Übersiedlung Deutscher in ihre angestammte Heimat verstärkt wurde. Im Jahr 1939 verstärkten Radioübertragungen aus Berlin sowie von Verwandten aus Deutschland an die Einwohner der Kolonien verschickte Briefe, in denen Fragen der Übersiedlung der Deutschen diskutiert wurden, die Emigrationsstimmung. Unter der Bevölkerung verbreiteten sich diverse kleine Zeitungen in Form von Aufrufen oder sogar Gedichten. Eines von ihnen führen wir in einer wörtlichen Übersetzung aus dem Deutschen an: Nach vorn, nach vorn, auf uns wartet der Weg in die Heimat, Über die Gründe für den Wunsch der deutschen Bevölkerung, nach Deutschland überzusiedeln, kann man anhand der Angaben während eines Verhörs von Robert Kuhn beim NKWD urteilen: ,,Ich wurde ein Befürworter der Ausreise nach Deutschland, weil ich mit der Regierungs- und Parteipolitik unzufrieden war und insbesondere, weil die Sowjetmacht die Kirchen geschlossen und die Verbreitung religiöser Gebräuche verboten hatte. Ich war mit der bestehenden Ordnung der Kolchosen nicht zufrieden. Eine weitere Ursache für mein Vorhaben der Einreise in Deutschland war die. Unterdrückung der deutschen Kolonisten". Unerträgliche Lebensbedingungen, massenhafte Repressionen sowie ärmliche Lebensumstände zwangen die zurückgebliebenen Leute, konkrete Schritte zur Übersiedlung nach Deutschland zu unternehmen. Auf einer der Versammlungen der Deutschen in HeIenendorf wurde die Entscheidung gefällt, einen Abgesandten zu einem Treffen mit einem Vertreter der deutschen Botschaft nach Moskau zu schicken. Unter dem Deckmantel des Besuchs einer landwirtschaftlichen Ausstellung führ Hermann Wuchrer im Juni 1940 nach Moskau. Dort traf er den Botschaftsmitarbeiter August Mezger, dem er von der schwierigen Lage in den Kolonien und von den seitens der Organe des NKWD unter der deutschen Bevölkerung durchgeführten Verhaftungen erzählte. Auf die Frage nach einer möglichen Umsiedlung antwortete Mezger, daß sich die Regierung der UdSSR trotz wiederholter Vorschläge Deutschlands bis heute geweigert habe, eine Vereinbarung über die Umsiedlung der Deutschen aus der Sowjetunion nach Deutschland zu unterzeichnen. Nach der Rückkehr nach Chanlar (neuer Name Helenendoff) informierte H. Wuchrer die deutsche Bevölkerung über die Ergebnisse seiner Reise. Am 26. Juli 1940 berichtete das Berliner Radio von der bevorstehenden Moskaureise des deutschen Regierungvertreters Lorenz, der in der UdSSR eine Vereinbarung über die Übersiedlung der Deutschen aus Bessarabien und der Nord-Bukowina nach Deutschland unterzeichnen wollte. Diese Mitteilung spornte die örtliche Bevölkerung noch stärker an, sich mit der Bitte um Aufnahme der transkaukasischen Kolonien in die Liste der geplanten Umsiedlungen an die deutsche Botschaft in Moskau zu wenden. Am nächsten Tag führ Herr Wuchrer nach Gendscha und übergab ein Telegramm: ,,Moskau, Str. Stanislawskaja, Haus 10. Lorenz. Mit der inständigen Bitte, beim Vertragsabschluß miteinbezogen und nicht vergessen zu werden. Schwaben. 25.07.40, Kirowabad. Daraufhin sandte Herr Wuchrer einen an von Schulenburg, dem deutschen Botschafter in Moskau, addressierten Brief: ,,Hiermit bitten wir Sie, Herr Botschafter, uns über die, Angelegenheit der Übersiedlung deutscher Bürger nach Deutschland zu informieren. Wiederholt hat das Berliner Radio und auch die Sowjetpresse Mitteilungen über die Übersiedlung gemacht. Wir im Transkaukasus lebenden Schwaben interessieren uns für diese Frage und würden gerne wissen, ob auch wir von der Übersiedlung betroffen sind.. .Unser ganzes Leben, sowohl das geistige als auch das materielle steht unter fremder Führung. Viele Familienväter und ganze Familien wurden verhaftet und verbannt. In HeIenendorf betrug die Zahl der Verhaftungen bis zu 10 Prozent der deutschen Bevölkerung.. Mehrheitlich arbeiten die deutschen Kolonisten in den Kolchosen. Die Arbeit ist schwer und wenig einträglich. Ein großer Teil der Ernte wird zu festgelegten niedrigen Preisen an den Staat abgegeben. Viele Kolchosebauern verarmen. Von einem kulturellen Leben kann keine Rede sein, obwohl die Sowjetpresse behauptet, daß sie dem viel Aufmerksamkeit schenke. Wir sind hier Fremde und werden auch genauso behandelt. Ungerechtigkeiten und Beleidigungen finden kein Ende. Dieser Brief ist in der Hoffnung geschrieben, daß unser Wunsch bald Wirklichkeit wird. Wir sind unter allen Umständen bereit zu emigrieren, schließlich haben wir ja nichts zu verlieren. Im Namen der Deutschen wird an Sie die eindringliche Bitte gerichtet, alle Möglichkeiten zu nutzen, um unseren Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Mit vorzüglicher Hochachtung: H. Wuchrer." Am 30. November 1940 wurde Hermann Wuchrer (er starb am 10. November 1943) von den Organen des NKWD verhaftet. Über diesen Brief sagte er bei eineni Verhör: ,,Ich nahm an, daß mein Brief in Zukunft von Mezger in den entsprechenden deutschen Kreisen ein grundlegendes Dokument zur Lösung der Frage der Übersiedlung der Deutschen aus der UdSSR darstellen werde." Der Beschluß vom 25. Dezember 1940 hatte folgenden Inhalt: ,,Es wird ebenso festgestellt, daß sich Hermann Wuchrer mit kontrarevolutionären Absichten mit einem offiziellen Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Moskau getroffen hat. Diesem hat er das Leben der deutschen Kolonisten in Transkaukasien tendenziös beschrieben, und er hat zudem in demselben Geist die Deutsche Botschaft schriftlich informiert" So wurde der Wunsch der Deutschen, nach Deutschland überzusiedeln, von den Machthabern als antisowjetische Tätigkeit ausgelegt Dutzende von Bürgern, die man anschließend in die Lager des NKWD geschickt hatte, wurden zusammen mit Wuchrer in Helenendorf verhaftet. Die Deutschen hatten tatsächlich nichts zu verlieren. Ihre einzige Rettung war die Übersiedlung aus der UdSSR. Noch bevor die Deutschen ihren Vertreter nach Moskau geschickt hatten, bereitete man hinter den Mauern des NKWD Pläne für die Vernichtung dieser friedlichen Bevölkerung vor. In der ersten Etappe plante man, den Kembestand der männlichen Bevölkerung zu verhaften und anschließend sollte der übrige Teil in die Sicherheitslager deportiert werden. Der Major Bortschtschin, ein Vertreter des NKWD der Aserbaidschanischen SSR, stellte im Jahr 1937 nach einer Moskauer Instruktion eine Liste zur ,,Kaltstellung" aller Kontrarevolutionäre auf aserbaidschanischem Gebiet, aller auf die Arbeit in den Kolchosen zersetzend wirkenden, feindlich gestimmten Elemente sowie aller religiös engagierten Personen" zusammen. Seitdem wurden unter der deutschen Bevölkerung bis zu den Tagen der Deportation Hunderte von gebildeten, intelligenten und kultivierten Leuten ,,kaltgestellt". Nicht nur die deutsche Bevölkerung wurde den Repressionen unterworfen, sondern auch -wenn man so sagen darf - die Bezeichnungen der deutschen Siedlungsorte, Straßen, religiösen Errichtungen und der Gegenstände der Mltagskultur. Bereits seit den ersten Jahren der Etablierung der Sowjetinacht wurden im Transkaukasus und insbesondere in Armenien Hunderte von aserbaidschanischen Siedlungsorten umbenannt. Mit ähnlicher Willkür ging man auch in den deutschen Kolonien vor. Annenfeld wurde in Anino umbenannt, Helenendorf in Elenino, Georgsfeld anfänglich in Leninfeld und dann in Lenino. Auch verschwanden auf den Karten solche Namen wie Grünfeld, Eichenfeld und Traubenfeld. Die Sowjetmacht in Gestalt des NKWD nahm an den deutschen Familien einen staatlichen Raub persönlichen Eigentums vor. Es ist anzumerken, daß man in den deutschen Häusern trotz der dörflichen Wohngegend bereits persönliche Bibliotheken, Klaviere, Möbel und anderes mehr besaß. Bei der Verhaftung wurde eine Inventarliste des Eigentums des Verhafteten aufgestellt. Die Frau des Verhafteten bestätigte am Ende der Inventarliste mit einer Unterschrift, von der hier eine aufgeführt sei: ,,Ich, Katherina Georgiewna Kuhn, verpflichte mich mit dieser Unterschrift, das oben beschriebene, meinem am 11.01.1941 verhafteten Ehemann, Robert Jakowlewitsch Kuhn, gehörende und mir zur Verwahrung übertragene Eigentum vollständig zu bewahren und es ohne Genehmigung des NKWD nicht zu veräußern.". In genau dieser Angelegenheit wurde ein nach 24 Tagen zusammengestellter Informationszettel aufgehoben, der dem Vorherigen widersprach ,,Das dem Verhafteten, Robert Jakowlewitsch Kuhn, gehörende Eigentum wurde nicht kontisziert, eine Inventarliste nicht aufgestellt und die Wohnung, in der er lebte, nicht versiegelt. Der Oberstleutnant des Staatssicherheitsdienstes, Mostowoj, der Oberstleutnan des Staatssicherheitsdienstes, Sawtschenko. 04.02.41." In einer anderem Rechtssache, der des Angeklagten Otto Wenzel, nahm ein Mitarbeiter des NKWD aufgrund einer Klageschrift vom 10. Juni 1940 in Anwesenheit der Familie Wenzels eine Aufstellung des 0. E. Wenzels gehörenden Inventars und Eigentums vor, in der unter Dutzenden von Namen unter Punkt 3 vermerkt war: ,,Eine Goldbrosche mit einem Amethysten und 6 Diamantsteinchen". Unterschriftsgemäß werden die Wertgegenstände ,,unter Aufsicht der Hausverwaltung Chatschaturowas" der eigenen Frau, Gertrud Teofilowna Wenzel, übertragen. Später. Am 5. August 1941 wurde der Akte ein Informationszettel beigefügt: ,,Die Steine der vom Gerichtsvollzieher, Genosse Musew, laut, Quittung Nr. 12188 erhaltenen goldenen Brosche erwiesen sich als einfach. Unterschrift: Käufer R.Chatschaturow". Es muß unbedingt unterstrichen werden, daß man erst den Ehemann verhaftete, dann das Eigentum beschlagnahmte und der Frau zur Bewahrung übertrug und schließlich den Mann und später auch die Frau als ,,Mitglied der Familie eines Volksfeindes" in Verbannung schickte. Das Eigentum wurde mit Hilfe der beigefügten Dokumente von den Beamten verschiedener Rangstufen ausgeraubt, und erst danach wurde ein unbedeutender Teil im Handel als beschlagnahmtes Gut zum Vorteil der Staatseinnahmen verkauft. Der Massencharakter der Verhaftungen ging so weit, daß um 1940 in den Kolonien eine Situation entstand, in der die Untersuchungsführer des NKWD bei der Behandlung der Rechtssachen keine Zeugenbefragungen mehr durchführen konnten, weil diese in die Lager verbannt worden waren. Der gesetzlose Charakter des Gerichtswesens wird durch einen Beschluß des Stellvertretenden Staatsanwalts der Aserbaidschanischen SSR in der Spezialsache ,,Seliwerstow" in der Untersuchungsangelegenheit des Angeklagten, Christlieb Beck, bezeugt: In Anbetracht der Tatsache, daß die genannten Zeugen von Aserbaidschan nach Kasachstan umgesiedelt wurden und daher eine Gerichtsentscheidung in dieser Sache unmöglich gemacht wurde, denke ich, daß diese Angelegenheit zur Begutachtung dem Besonderen Rat des NKWD der UdSSR zu übertragen ist. Ich stelle fest, daß angesichts des Vorhandenseins der aufgezeigten Tätigkeiten Ch F. Beck zusammen mit anderen Deutschen nach Kasachstan übergesiedelt werden muß, weil die Gerichtsache aussichtslos ist. 20. November 1940, Baku". Die Massenarreste unter den Deutschen beschränkten sich nicht nur auf Orte mit hoher Siedlungsdichte. In Baku lebten Verwandte, die dorthin zur Ausbildung gefahren waren und bei den verschiedenen Ausbildungsstätten und Unternehmen der Hauptstadt gearbeitet und gelernt hatten. Seit 1937 fingen die Organe des NKWD an, Listen über die in Baku lebenden Deutschen zusammenstellen. Ein Vertreter des NKWD, Borschtschow, schrieb in einer seiner Vertügungen: ,,Chantschek Gurr ist 23 Jahre und Karl Heinz Gurr 19 Jahre alt. Sie sind die Söhne von Wilhelm Gurr, dein zur Erschießung verurteilten Spion ausländischer Geheimdienste. Weil die Sohne zukünftig unzweifelhaft ein Stütze für die Arbeit von Geheimdienstorganen ausländischer Staaten sein werden, würde ich dafür plädieren, Ch. B. Gurr und K. G. Gurr auf der Grundlage des Befehls Nr.00486 des NKWD der UdSSR kaltzustellen." Die Organe des NKWD gingen von einer angeblichen Anwesenheit einer ,,nationalsozialistischen, antisowjetischen Jugendgruppe unter den Absolventen und deutschen Studenten der höheren Ausbildungsstätten Bakus aus. Im Oktober 1940 wurden in Baku Dutzende von in den deutschen Kolonien Aserbaidschans geborenen, deutschen Studenten, verhaftet. Dazu gehörten Studenten des Aserbaidschanischen Instituts der Industrie: Heinrich Beck, Karl-Heinz Gurr, Franz Andris, Karl Huminel, Helmut Reitenbach, Günther Hummel, Jakob Plininger; der Absolvent der Staatlichen Aserbaidschanischen Universität, Gerhard Fohrer; der Student des Aserbaidschanischen Pädagogischen Instituts, Hugo Fohrer; der Student des Aserbaidschanischen Instituts für Landwirtschaft, Bruno Kuhn. Während eines Verhörs des 23-jährigen Herrn Fohrers folgte auf die Frage, welche Ziele die deutschen Studenten verfolgen würden: ,,Ich behaupte, daß keinerlei Ziele verfolgt werden und daß niemals jemand etwas zum Schaden der Sowjetunion tun wird. Ich habe niemals daran gedacht, dem sowjetischen Staat irgendeinen Schaden zuzufügen. Nichtsdestotrotz wurden die Studenten nach Beendigung der vom Unterleutnant des Staatssicherheitsdienstes, G. Awanesow, im März 1941 geleiteten Untersuchungsangelegenheit Nr. 614 ,,über nationalsozialistische antisowjetische Organisationen" vom NKWD in die Lager verbannt. Die bestraften Vertreter der Bevölkerung der Kolonien, die durch die Beschlüsse des Besonderen Rates für einen Zeitraum von 5 bis 10 Jahren in Gewahrsam genommen und aus Aserbaidschan verbannt wurden, starben im wesentlichen in den Lagern des NKWD: Astrachan, Badymli, Kar, Petscher, Sewur, Tem und in anderen. Die von den Verwandten abgesandten Eingaben blieben unbeantwortet. Hier ist zum Beispiel der Brief von L. Berij, eine der Frauen eines im Namen der NKWD der UdSSR Verhafteten: Lawrentij Pawlowitscb: Ich wende mich nicht zum ersten Mal an Sie. Ich habe mich vor einigen Jahren in Tiflis an Sie gewandt und das Glück gehabt, mit Ihnen persönlich zu reden. Dies geschah in der Angelegenheit der Verhaftung meines Vaters Schleiser aus Luxemburg (Georgien). Erst nach Ihrer Einmischung wurde seine Unschuld festgestellt und seine Befreiung vorgenommen. Wer ich bin, das erfahren Sie am ehesten von meiner Cousine, Ella Almendinger, die schon viele Jahre in Ihrer Familie lebt. Die heute an Sie gerichtete Eingabe hat folgenden Inhalt: Im Oktober 1937 wurde mein Ehemann, Adolf Eduardowitsch Beck, verhaftet und zu 8 Jahren verurteilt... Ich bitte Sie, Lawrentij Pawlowitsch, die Angelegenheit meines Ehemanns mit dessen gerechter Erlaubnis neu zu überdenken und ihn -nachdem sie sich von seiner Unschuld überzeugt haben - zu befreien." Die deutschen Familien in Aserbaidschan zeichneten sich durch eine hohe Geburtenrate aus. Eine Analyse der Angaben in den Formularen der Verhafteten zeigt, daß in vielen Familien die Zahl der Kinder mehr als fünf betrug. Seit dem Anfang des 20. Jh. fand in den aserbaidschanischen Kolonien beinahe eine Vervierfachung der Bevölkerungszahl statt. Seit 1935 zeichnete sich jedoch ein gegenteiliger Trend ab, der mehrere Ursachen hatte: Die erhebliche Verschlechterung der Lebensbedingungen, die Ausreise eines Teils der Jugend zur Erlangung der höheren Schulbildung in Baku und in anderen bedeutenden Städten des Landes sowie die Massenverhaftungen der Kolonisten. Die zurückgebliebene, beinahe 20.O00köpfige Bevölkerung der Kolonien wurde im Oktober 1941 nach Sibirien, Kasachstan und in die zentralasiatischen Republiken der SSSR deportiert. Nach der Deportation von Vorsitzenden der Dorfräte und Kolchosen, von Direktoren von Agrarkomplexen sowie von Personen mit deutscher Herkunft wurden deren Amter von Armeniern besetzt. An den Siedlungsorten der Bezirke Schamkirski und Chanlarski wurden Armenier aus Karabach und Armenien sowie Armenier, die aus dem Iran emigriert waren, angesiedelt. Allein in Leninkent (neue Bezeichnung von Georgsfeld) trafen in den 40er Jahren an Armeniern ein: aus der Armenischen Republik der SSR 2000 Familien und aus dem Iran 70 Emigrantenfamilien. Wenn wir einen Schritt nach vorne gehen, bemerken wir, daß ein Teil von ihnen in der Zeit der Deportation der Aserbaidschaner aus der Armenischen SSR im Jahr 1948 bis 1953 zur Unterbringung in Siedlungsorte der Bezirke Chanlarski und Schamkirski geschickt wurden. Von dort wurden früher Deutsche deportiert. Aber die Armenier, die bereits in Georgsfeld,. Helenendorf und Annenfeld einquartiert waren, leisteten bitteren Widerstand. Zudem hatten sich einige von Ihnen aus dem ein oder anderen Grund an für Strafrechtsangelegenheiten verantwortliche Instanzen der Armenischen UdSSR gewandt. Entdeckt wurde diese Tatsache von Rzaew Agamirza Bagir ogly, einem der aus Armenien übergesiedelten Aserbaidschaner, der in Chanlar im Hause des Deutschen Emil Kochs, dem Leiter der Bildungsabteilung Helenendorfs in den 30er Jahren, Unterkunft erhalten hatte. Bis dahin arbeitete A. Rzaew für den NKWD Armeniens als Gefängnisaufseher. Sein Dienst brachte es mit sich, daß er mit Vertretern der Radikalen Nationalistischen Partei Armeniens, mit Strafverbrechern und Personen anderer ähnlicher Kategorien armenischer Nationalität zusammenstieß. In Chanlar entdeckte er, daß viele von ihnön in dieser Stadt wohnten. In diesem Zusammehang wandte er sich an die Direktion Aserbaidschans: ,,Genosse Bagirow. Die Mehrheit der verurteilten Personen, die in Armenien einer Untersuchung unterzogen werden, halten sich derzeit in Kirowabad und Chanlar auf.." Chadschikande. Darunter führte er den ehemaligen Vorsteher des NKWD des Bezirksamts des Bejuk-Wedinski Rayons, den Zweiten Sekretär des Chanlarsker Regionalkomitees der Partei, den Direktor der Brotfabrik, den Ersten Sektretär des Nizaminsker Regionalkomitees der Stadt Kirowabad, den Verwandten des Vorsitzenden des Chanlarsker Regionalexekutivkomitees (RIK), den Stellvertreter des Direktors der Geschäfte für Militärsachen und viele andere auf Auf diese Art wurde um 1948, daß heißt zu einem Zeitpunkt, als die Erlasse der Regierung der UdSSR bezüglich der Deportation der Aserbaidschaner aus dem Territorium der Armenischen SSR ergangen waren, in Chanlar - um es mit den Worten von Otto Wenzel, einem Pädagogen der Helenendorfer Schule, zu sagen - eine ,,Armenisierung der Kolonisten" duchgetührt. Noch im Jahr 1940 merkte die Deutschlehrerin Anna Wuchrer auf einer Versammlung der ehemaligen Lehrer der Helenendorfer Schule an: Die Armenier aus den Nachbargebieten haben ihre räuberischen Blicke auf unsere gepflegten, breiten Dorfstraßen und Häuser geworfen. Die Mütter und Ehefrauen, Schwestern und Töchter der Bestraften suchten ihre umgesiedelten Angehörigen in den kalten Gebieten von Nowosibirsk und Omsk, in den brennenden Steppen von Kasachstan und in anderen östlichen Regionen der UdSSR jahrzehntelang. Zehntausende Briefe, die akkurat zu den Akten der Untersuchungsangelegenheiten der Bestraften geheftet wurden, blieben ohne rechtmäßige Antwort. Die Leute konnten nichts von dem weiteren Schicksal ihrer Väter, Brüder und Söhne erfahren. Während der Verkündigung der Entscheidung durch die ,,Besonderen Räte" erhielten die Familien keine Informationen über Ausmaß und Dauer der Haft. Die Antworten der Rechtsschutzorgane an viele von Ihnen hat man sogar in der zweiten Hälfte der 50er Jahre, als teilweise eine Rehabilitierung der in den 30er Jahren Bestraften vorgenommen wurde, gefälscht. Nachstehend sind die Tatsachen der Fälschung der Entscheidung des ,,Besonderen Rates des NKWD", der Daten und Ursachen des Todes im Hinblick auf den von uns oben erwähnten Dr. Wilhelm Gurr angeführt. Seine Ehefrau hatte sich seit 1937 wiederholt mit der Bitte um Informationen über das Schicksal ihres Mannes an die Rechtsschutzorgane der UdSSR gewandt. Man hatte ihn 1935 in Tiflis verhaftet und aufgrund einer Entscheidung des ,,Besonderen Rates des NKWD" vom 15. Dezember 1935 wegen des Verdachts von Spionageaktivitäten für 3 Jahre nach Joschkar-Oly (Mariiskaja-Bezirk) verbannt. Am 17. August wurde er im Mariiski-Bezirk verhaftet und zwangsweise aus der Gefangenschaft nach Baku transportiert. Gemäß der am 7. Oktober 1937 von dem diensthabenden Assistenten des Gefängnisvorstehers in Baku, Kotschetkow, dem Oberaufseher, Klimenko, sowie dem Aufseher, Tkatschenko, zusammengestellten Akte versuchte die in Einzelhaft eingeschlossene, ,,ihrer Freiheit beraubte Nr.1843, Wilhelm Gurr, mit Hilfe eines zusammengewickelten Handtuches ihr Leben durch Selbstmord zu beenden. Diesen Versuch hatte die Aufsicht jedoch rechtzeitig vereitelt." Kraft einer Entscheidung des ,,Besonderen Dreierausschusses des NKWD" vom 21. Oktober 1937 wurde er zum Tode verurteilt. Gemäß eines vom Vorsteher des Inneren Gefängnisses des NKWD in Baku unterzeichneten Aktenauszuges erfolgte die Urteilsvollstreckung am 29. Oktober 1937. Der Frau des Verurteilten hatte man Anfang November 1937 gesagt, daß ,,der Ehemann am 28. Oktober an einem entfernten Ort zu 10 Jahren verurteilt worden sei". Am 24. November 1939 richtete Frau Luise Gurr an den Staatsanwalt der UdSSR ein Gesuch. ,,Seit dem Tage der zweiten Verhaftung meines Ehemannes sind zwei Jahre und drei Monate vergangen, ohne daß ich irgendwelche Nachrichten erhalten hätte. Wenn man mich auch nur für würdig befunden hätte, mir zu antworten, ob mein Mann noch lebt und wo er sich befindet. Schließlich ist mein Mann krank und leidet unter einem Magengeschwür." Die Militärstaatsanwaltschaft des Transkaukasischen Umkreises in der Angelegenheit des NKWD machte sich mit der Angelegenheit ,,Gurr", in der dessen Erschießung klar festgehalten worden war, vertraut. An die Frau erging jedoch am 31. Dezember 1939 ein Brief mit folgendem Inhalt: ,,Stadt: Chanlar, Straße: Kirow, Hausnr. 36; An Frau Luise Friedrichowna Gurr. Auf Ihre an die Staatsanwaltschaft der UdSSR adressierte Eingabe vom 24.11.39 teile ich mit, daß ihr Ehemann Wilhelm Jakowlewitsch Gurr am 29. Oktober 1937 (Tag der Erschießung im Bakuer Gefängnis) zu 10 Jahren Freiheitsentzug unter Aufhebung des Rechts auf Briefkontakt in abgelegene Orte der UdSSR verschickt wurde." Nachdem~sie diesen Brief erhalten hatte, schrieb Frau L. F. Gurr am 24. Januar 1940 an die Militärstaatsanwaltschaft des Transkaukasischen Umkreises in Angelegenheit des NKWD: ,,Ich bestätige den Empfang des Schreibens Nr.75 vom 31. Dezember 1939. Ich danke...". 10 Jahre vergingen, ohne daß sie von dem Ehemann irgendwelche Nachrichten erhalten hätte. Die aus Aserbaidschan deportierte Frau Gurr schrieb auch weiterhin Briefe an die verschiedenen Rechtsschutzorgane der UdSSR. Die Zahl der 13riefe nahm besonders nach dem Erlaß des Präsidiums des Obersten Rats der UdSSR vom August 1955, demzufolge die Deutschen und ihre Familienmitglieder von Beschränkungen ihrer Rechtsposition befreit werden sollten, zu. Trotz der Verurteilung der Stalinzeit hörte das Sowjetregime auch nach dem Tode des ,,Führers der Völker" nicht auf, seine eigenen Bürger zu betrügen. Anstatt die Angehörigen ehrlich über das Schicksal der Bestraften zu informieren, waren die Rechtsschutzorgane bemüht, die Verbrechen ihrer Vorgänger zu verbergen. Aus Baku wurde so am 22. Februar 1956 ein Brief in das Tscheljabinskij-Gebiet versandt: ,,Wir bitten Sie, der im Tscheljabinsk-Gebiet wohnhaften Bürgerin, L. F. Gurr, mündlich zu unterbreiten, daß ihr Ehemann im Jahr 1937 zu 10 Jahren verurteilt wurde und nach Abbüßung der Strafe am 1. Februar 1943 an einem Bluterguß im Gehirn gestorben war". Am 21. März 1956 wurde Frau Luise Friedrichowna Gurr in nicht ordnungsgemäßer Weise belogen. L. Gurr bat um Aushändigung der Todesurkunde. ~ 11. August wird ein innerbehördliches Dokument folgenden Inhalts zusammengestellt: ,,Wir bitten Sie, im statistischen Register bezüglich W. Ja. Gurr die Notiz, daß dieser am 5. Juli 1887 geboren und am 5. Juli 1941 an einer Bauchfellentzündung (Peritonitis) gestorben ist, einzutragen." Gurrs Tod wurde am 8. Mai 1956 im städtischen Büro des Standesamts von Baku registriert. Die Todesurkunde wurde seiner Ehefrau zugesandt." Nach einer ordnungsgemäßen Klage von Luise Gurr wurde das 1937 verkündete Urteil am 29. September 1959 aufgehoben und die Sache beigelegt. So erfuhr sie jedoch - wie auch Tausende anderer Personen - nicht die Wahrheit über ihre Angehörigen. Der Autor hat die Namen von ungeflihr 950 aserbaidschanischen Bürgern deutscher Nationalität die in der Stalinzeit Renressionen unterzogen wurden aufgespürt. Die hier vorIiegende Ausarbeitung erlaubt es nicht die Dutzende von Namen der Lehrer Ingenieure Ärzte und Spezialisten auf dem Gebiet der Ölindustrie und Landwirtschaft sowie auch der einfachen Arbeiter Aufzählung die in der absoluten Mehrheit hochgebildete und erudierte Leute waren die zum Wohl von Aserbaidschan erlebt und earbeitet hatten. |